
Ich habe etwas sehr ungewöhnliches für mich erlebt und möchte es einerseits mit euch teilen, andererseits weiß ich nicht, wie ich es ausdrücken kann. Wenn ich sonst Geschichten niederschreibe fließen mir die Worte aus den Fingern, fange ich erst einmal an. Nicht diesmal, ich denke schon seit Tagen darüber nach…
Es ergab sich folgendes:
Neulich besuchte ich mit einer Freundin, Aswan, die Stadt am Nil im Süden Ägyptens, meinem nun offiziellem Lieblingsfluss.
Wir hatten keinen echten Plan und ich schlug vor ein Beauty Tag zu machen, Wellness oder so. Ich fand einen Laden im Internet mit hübschen Bildern und arabisch-englischen Beschreibungen. Rauf aufs TuckTuck und nichts wie hin. Wir fanden die Adresse in einem Viertel, wo wir sonst sicher nicht gelandet wären, unser Fahrer schaute etwas irritiert als er uns rausliess.
Wir suchten und suchten, liefen um den Block. Maps war der Ansicht, es sei im Gebäude der Grundschule….ich frage eine Frau und sie sagt, ja da drin in dem Haus. Kein Schild, ein verstaubtes Treppenhaus und im vierten Stock ein kleines Schildchen an der Tür, eine Klingel.
Es öffnet eine Frau, Ende 20 und führt uns herein. Ein kleiner Raum mit zwei verschlissenen Behandlungsstühlen und einer Liege. Es ist nicht vollkommen dreckig aber es ist auch wirklich nicht sauber und sicher ganz anders als auf den Bildern, die ich gesehen hatte, die mit diesem Raum nichts zu tun haben.
Es sind noch zwei andere Frauen da. Eine kann etwas Englisch. Wir erklären was wir gern hätten so zum Beispiel…Gesichtspflege, Fußpflege, Sugering uns so halt… ist ja nicht als hätten wir irgendwie große Erfahrung mit Beauty Salons.
Die Frau hinter der Theke fragt Hamam?
Und wir so: ja
Wir gehen gemeinsam ein Stockwerk höher. Es gibt einen Aufenthaltsraum mit zwei Duschen und Stühlen und einer Heizkabine und einen weiteren Raum, gekachelt mit einer Badewanne und einem Wasserbecken mit einem verzierten Wasserhahn. Alles echt runtergerockt, verstaubt und kurz vor Hilfe, ich geh mal Zigarettenholen
„Zieht euch um“
„Um?, in was?“
„Tja hmmm…lasst einfach die Unterwäsche an“
In einer schmutzigen Ecke legen wir unsere Kleider hin und gehen in den gekachelten Raum, zusammen mit einer jungen Ägypterin, die am Freitag heiraten wird und hier, heute das volle Programm bekommt.
Eine nach der anderen wird nun von Amira, der Besitzerin von Farnachi Spa, an die Hand genommen, mit Wasser übergossen, mit etwas schmierigem eingecremt und in die Heizkabine gelassen.
Nach einer Weile dort, verschwitz und klebrig, wieder abgeholt.
Sie nahm mich an die Hand und half mir, mich auf einen gekachelten Sims zu legen. Dort schrubbte sie mit einem Luffahandschuh (ein Einwegartikel, den sie frisch aus einer Tüte holte) jeden Dreck von mir ab. Da waren so viele schwarze Hautwürstchen von mir, dass ich etwas entsetzt war, wie dreckig ich bin. Ich werde mir Luffa zum schrubben zu Hause holen, ich schwöre, diesmal echt – den Schwur gab ich mir jedesmal, wenn ich im Hamam geschrubbt wurde
Es gibt auch dieses Klischee von uns Europäern, dass wir nicht sauber sind – einerseits weil die meisten von uns keine Hautschuppen abschrubben und anderseits weil wir Klopapier benutzen und das im Vergleich zum Wasser, deutlich weniger reinigt.
Nach der Schrubberei werden wir abgewaschen und und mit dunkler Tonerde eingeschmiert. Sie berührt uns ganz sanft und achtsam, nimmt uns immer an der Hand wenn sie uns einen Platz zuweist, wo wir nun stehen sollen und zieht selbst nie Handschuhe an.
In dem kleinen Raum entsteht nach uns nach eine sehr besondere Stimmung, das Licht ist gedimmt, es wird kaum geredet, es ist nichts gekünstelt oder unecht. Wir sind Frauen, die nicht miteinander reden können, die oberflächlich nichts gemeinsam haben und doch wächst von Stunde zu Stunde unsere Verbundenheit – ein wortloses Verständnis, eine Intimität, die ich unter Fremden noch nie gespürt habe.
Zurück zum Beauty es folgen noch einige Tonerde Ganzkörperbehandlungen, es ist irgendwie wie schmirgeln, die tonErde wird immer feiner und heller. Wir lachen so viel, stehen da wie Erdklümpchen oder Sandstatuen und machen, was man uns befiehlt.
Es gesellt sich Jala zu uns. Eine wunderschöne Frau mit dreckigen Füßen. Ich bin froh zu sehen, dass sie selbst auch manchmal schmutzig sind und jaa nicht, dass ich mir da sonst irgendwelche Gedanken machen würde, es war nur vermutlich der Schock wegen meiner Hautwürstchen
Jala hilft von nun an. Die eine bekommt Fußpflege, während die anderen sich auf den Fußboden des Vorraums, auf einer alten grüngemusterten Polyesterdecke zum sugering bequem machen. Seit über 5000 Jahren werden in Ägypten und in der Neuzeit auch weltweit, die Haare, die wir nicht wollen mit einer Zuckerpaste entfernt und ich wollte das schon immer mal ausprobieren. Sie nimmt aus einer Dose eine Kugel Zuckerpaste und knetet sie in der Hand. Dann schmiert sie sie ziemlich dick auf mein Unterbein, nimmt einen Zipfel zwischen die Finger und reißt dran. Ich spüre ein Ziepen aber es tut nicht weh. Meine Brautnachbarin ist da ärmer dran, sie hat deutlich mehr Haare, die sie extra hat dafür wachsen lassen, so sind die Ergebnisse nachher am besten. Außerdem beschränke ich mich auf meine Unterbeine und sie nicht.
Es klopft an der Tür, ein Mädchen bringt ein Baby herein, es ist Jalas, es hat Hunger. Sie klemmt es zwischen ihre Brust und den Oberschenkel und stillt es, während sie meine Unterschenkel von Haaren befreit.
„Seid ihr für Israel oder Gaza?“ fragen sie.
Oha….
Ich versuche zu erklären, dass ich gegen Krieg bin, ich bin politisch links, ich bin Ausländerin fast überall, auch in Deutschland – aber das Leid, das ein Krieg mit sich bringt, bringt nur Verlierer hervor. Auch wenn nachher theoretisch jemand gewonnen hat, kann man im Krieg nur verlieren. Es ist mir klar, dass diese jungen Frauen für Gaza sind aber ich möchte jetzt keine politische Diskussion unter diesen menschlichen Umständen, unter denen wir uns wie ein kleines Wunder hier begegnet sind.
Sie können mich wohl verstehen, denn die Braut legt einen Arm um mich.
Später dann, viel später, als wir wieder angezogen sind, die Ägypterinnen in Hijab und Abaya und wir uns umarmen und verabschieden kommen mir die Tränen….aber warum nur?
Ich habe viel darüber nachgedacht.
Wir sind distanziert, Berührungen zwischen uns und Fremden sind ein Händedruck und auch der ist nicht immer angebracht.
Aber eine Nähe, eine womanoide Gemeinschaft, die es in diesem Raum gab, ein nichtUrteilen, eine unausgesprochene Akzeptanz, ein Frieden und die Herzensfreude, die dabei entstanden ist, hat mich tief berührt und tut es noch.





