Nach 12 Tagen und 5500km sind Chili und ich, mit dem Kopf&Herz voller Eindrücke und zwei BabyFindelkatzen aus Istanbul in Shatili angekommen….puh, was ein Ritt.
In Shatili laufen die letzten Vorbereitungen: Bettenmachen, Pferde beschlagen, Packtaschen nähen, neue Gurte zuschneiden, nachdenken und immer wieder zählen, durchzählen, nachzählen, verzählen und nochmal. Wir machen dieses Jahr so viele Gruppen wie noch nie, werden so viele Menschen zu Gast haben, Bedürfnisse erfüllen, Konflikte lösen, lachen&weinen, interessante Geschichten
hören, viele Herausforderungen meistern. Ich bin aufgeregt aus dem Grund, nervös, unsicher, ob wir das packen, dem Druck standhalten können, die Verantwortung in der Wildnis uns nicht erdrücken wird. Aber nun kommt es ja weniger auf das Was an sondern viel eher auf das Wie. Daher: entspann dich mal, Eva.

Wir holen die Teilnehmer in Tbilisi ab, inklusive der jüngsten Teilnehmerin ever, Hannah 4 Jahre. Es war nicht unbedacht sie mitzunehmen, ich kenne Hannah und ihre Mutter ist eine Freundin. Wir wollen es probieren, sie reitet schon lange, ist es gewöhnt viel draußen zu sein. Dato vertraut mir, was die Auswahl der Teilnehmer angeht. Wir haben klare Aufgabenteilung: er ist für die Pferde zuständig, ich für die Menschen: Horsebuissnes and Humenressources. Wir holen oft Rat beim anderen, diskutieren und besprechen natürlich alles, aber die letztendliche Endscheidung trifft jeder alleine…naja, das mit dem Schuster und seinen Leisten, ihr wisst schon. Nun ist die jüngste dieses Jahr vier und der älteste 72 Jahre alt.

Wünsche erfüllen, Träume näher holen, Neues wagen…hört sich an wie Werbung für das nächste, sicher sehr teure, Retreat an einem traumhaften Ort mit supergesundem Essen und nur positiven Vibes. Oft genug dachte ich in Georgien, dass ich genau das alles lernen durfte, was mir eben diese Seminare, Workshops und Ratgeber versprechen und das nur in sieben Tagen. Ich lerne mit den Gruppen, den Pferden und in fernen Ländern nun seit Jahren, vielleicht bin ich einfach etwas langsamer, resistent oder etwas dümmer als andere dabei versuche ich doch aus jedem Schnupfen etwas zu lernen. Ok, ohne Flax…soviel Vertrauen in das Leben und in mich selbst, diese große Liebe und Dankbarkeit hätte ich nirgens besser erleben und lernen können als in diesem kleinen, kaukasischem Land am schwarzen Meer.

Zurück zur Story…Hannah ist natürlich der Hammer, sie reitet alleine auf ihrem
geliebten „Biala Nuzka“, zwar angebunden an das Pferd ihrer Mutter damit sie nicht lenken muss aber festhalten und wachbleiben muss sie alleine, naja fast….wenn ich merke, dass sie beinahe einschläft stimme ich ein „Bibi und Tina auf Amadeus und Sabrina…“ und schon singen wir zusammen, lachen erzählen vom Schwarzkäppchen und Rapunzel mit der Kurzhaarfrisur
„Eva, das stimmt alles nicht, in meinem Buch ist das alles anders“
„und wieso ist dein Buch jetzt richtiger als meine Geschichte?“
„Eva, mach mal schneller“ höre ich von Hinten. Wir traben, sie ruft:“ genug, ich muss meine Kräfte einteilen“ usw….
Es ist ein Fest mit Hannah und am Ende der Woche hat sie es geschafft. Steffi, ihre Mutter ist voll im Glück und wir stolz wie Oskar.

Am Kazbek angekommen, der große Berg, wo Zeus Prometheus drangehängt hatte für 30000 Jahre und die Vögel ihm die Leber tagsüber rauspickten, während sie ihm Nachts wieder nachwuchs. Zeus empfand das als gerechte Strafe, dafür dass ihm das Feuer gestohlen wurde. Whatever…der Kazbek ist ein wundervoller Berg, über 5000 Meter und immer mit Schnee bedeckt, ragt er heraus und sieht sehr freundlich dabei aus.
Auch am Kazbek werden kleine Pferdetouren angeboten, einmal zur TrinityChurch rauf und wieder runter. Die Pferde, die das machen müssen sind eher arme Wesen, wie man sich vorstellen kann. Dato wird angerufen und gefragt, ob er eben eins dieser Pferde kaufen möchte, es wird momentan nicht mehr benötigt. Wir fahren hin und schauen, reden, ich reite einmal die Straße vor und wieder zurück. Er ist noch Hengst, erst drei Jahre alt und guckt so abgelöscht als schaue er nur nach innen. Er hat überall Schrammen, offene Wunden am Brustkorb und zuckt zusammen bei jeglicher Bewegung in seiner Nähe. Der Fall ist schnell klar, wir werden ihn mitnehmen, es ist nicht viel Geld und wenn er kein gutes Tourenpferd mehr wird, dann hat er wenigsten seine Freiheit wieder. Wir freuen uns und nennen ihn „Kazbek“. Er soll auf dem Rückweg ein wenig Gepäck tragen und dann auf die Alm kommen, um sich zu erholen von seinem Sklavenleben.

Ein paar Tage später reiten wir los, der Kleine wird erst mal an uns gebunden, damit er nicht zurück nach Hause läuft da er noch nicht zu unserer Herde gehört. Wir überqueren den Pass, der Aufstieg ist schwierig und wir lassen Kazbek frei neben uns her laufen. Ich bin glücklich ihn zu sehen. Auf der anderen Seite ist es nicht mehr weit zu unserem Camp bei Roshka. Ich reite immer als Letzte, sammel
alle Jacken, Flaschen und anderes auf, so hab ich von hinten alles im Blick, auch wenn Packpferde oder freilaufende sich zu weit von uns entfernen. So dreht nun Kazbek bei und frisst entspannt, hat die Reihe verlassen. Wir treiben ihn heran, er weicht weiter aus. Ich steige ab und hole ihn, er läuft ganz langsam vor mir her, da es sehr steil bergauf geht und ich ihm den Weg abschneiden möchte ist er, obwohl langsam, immer noch deutlich schneller als ich. Irgendwann gebe ich auf und er verschwindet hinter der Kuppe. Wir haben gerade ein Packpferd verloren, zum Glück hatte er kein Gepäck auf dem Rücken, er war erst ab dem nächsten Tag fest eingeplant. Die Stimmung ist gelinde gesagt im Keller. Am Abend gehen wir verschiedene Optionen durch, Davit telefoniert, nichts will klappen. In Georgien ist das der Moment wo man einfach loslässt und ChaCha trinkt, es wird morgen eine Lösung geben, auch wenn wir sie jetzt noch nicht kennen. Am Morgen nach dem Frühstück sagt eine Teilnehmerin, dass sie nicht mehr weiterreiten kann, ihr täte das Knie zu weh und sie fühle sich nicht gut. Sie wird den Rest der Zeit in der Burg verbringen und wir haben ein Pferd mehr. Siehst du, Eva?!

Der Aufstieg auf den höchsten Punkt des Sommers ist sehr schwierig, wir steigen in eine sehr steile, rutschigsandige Wand hinein, die Packpferde weigern sich mitzukommen, müssen zu Fuß geführt werden, die Luft ist dünn, die Anspannung hoch. Auch Knud ist dabei, er war schon öfter mit uns mit, er ist 72 Jahre und unser ältester Teilnehmer bei dieser schwierigen Tour. Er wollte unbedingt mit und wir dachten, dass wir das möglich machen werden. Er hat während der ganzen Tour nicht einmal geklagt, sich nicht einmal beschwert oder gejammert, im Gegenteil er lobte und freute sich jeden Tag. Er war der einzige, der sich regelmäßig in den eisigen Bächen und Flüssen gründlich gewaschen hat und nicht einmal Hilfe gebraucht beim Auf oder Absteigen. Beim Aufstieg war ich zu abgelenkt mit anderen Dingen, aber oben angekommen umarmen wir uns und mir laufen die Tränen vor Rührung, unseren Knud oben auf dem Gipfel dabei zu haben ist weng viel für mein zartes Seelchen. Respekt und Ehrfurcht überkommt einen leicht in dieser großen Weite aber ganz besonders, wenn wir so ausserordentlich mutige und herzliche Menschen wie Knud begleiten dürfen. Mut ist sowohl eine Geisteshaltung als auch eine Charaktereigenschaft, denke ich. Mut hat so viele Gesichter und ist notwendig, weil wir sonst in unserer Persönlichkeitsentwicklung stagnieren, mental altwerden. Neue Wege beschreiten und über Grenzen, die nur scheinbar vorhanden sind, hinauszugehen ist eine Möglichkeit zu wachsen. Ich brauche es, um mich lebendig zu fühlen aber auch um lebensfähig zu bleiben.Wir trinken auf Knud und das Leben und sind einfach glücklich.

Der Sommer war voller neuer Erfahrungen, neuer Menschen, alter Freunde aber auch voller Tränen und Abschiede. In meinen Berichten lege ich für Euch mein Herz auf die Zunge und freue mich dabei so sehr an dieser Lebensreise teilnehmen zu dürfen.

Auf bald – eure Eva