Qasaqstan_Wanderreiten um die Welt

Wie jedes Jahr versuche ich vor oder nach den Touren noch etwas anderes zu sehen als das Altaigebirge in der Mongolei. Letztes Jahr zum Beispiel war ich in China. Dieses Jahr habe ich mir in den Kopf gesetzt überland aus der Mongolei nach Kasachstan zu fahren und mich dort umzuschauen. Gedacht – Getan.
Die Region in der wir reiten ist zu 95% von Kasachen bewohnt. Sie bilden in der Mongolei eine Minderheit, sie haben einen eigenen Parlamentsabgeordneten in der mongolischen Regierung. Sie sprechen Kasachisch, eine Turksprache und führen ein sehr traditionelles Leben, sind Moslems, viele sind Nomaden, davon viele Adlerjäger. Die Tradition des Adlerjägers ist ist somit kasachisch und eben nicht mongolisch, das habe ich vorher nicht gewusst. Sie leben aus verschiedenen Gründen in der Mongolei. Früher gab es keine Grenzen für Nomaden, sie liessen sich nieder, wo es ihnen gefiel oder wo das Gras am schönsten war; denn ihre Tiere sind bis heute die wichtigste Einkommensquelle oder wenigstens eine Möglichkeit für sie zum Überleben. Die letzten Kasachen, die sich in der Mongolei niedergelassen hatten, kamen in Zeiten der UdSSR, sie wollten nicht, dass der Staat ihnen die Tiere wegnahm und in Kolchosen zusammenschloss.

Jedenfalls gibt es bis heute einen regen Verkehr zwischen den beiden Ländern. Jeden Tag fahren Grossraumtaxis oder Busse (2xdW) zwischen Ölgii und Astana, der kasachischen Hauptstadt. Obwohl sie heute keine gemeinsame Grenze mehr haben. Mein „Taxi“ muss über Russland fahren. Um sechs Uhr morgens werde ich bei meiner Unterkunft abgeholt. Der SiebenSitzer ist komfortabel und der Fahrer auf Zack.

„Wie lange werden wir brauchen?“
„Ca 32 Stunden, je nach dem wie lange wir an den Grenzen stehen werden.“

Da fällt jetzt der Groschen: 2000 km in 32 Stunden mit nur einem Fahrer, noch habe ich keine Angst.
Wir sammeln die restlichen Passagiere ein und fahren los. Schon nach einer Stunde stehen wir an der ersten Schranke. Die Grenze macht erst um acht auf. Kaffeetrinken, Beobachten.
Es gibt viele LKWs und viele solcher „Taxis“ wie meins und zwei Landis aus Italien und zwei Motorräder aus Tschechien. Es ist der einzige Grenzübergang den wir Menschen aus Drittländern passieren dürfen.
Um acht geht es weiter. Die mongolische Grenze haben wir schnell durchquert. 26 km später halten wir vor der russischen Grenzkontrolle.
Als ich am Schalter dran komme, sieht mich die Beamtin an, meinen Pass, mein Visum und sagt: „Folgen sie mir“.
Ich werde in ein Büro geführt mit zwei Beamten, einer spricht Englisch, ich gebe vor kein Russisch zu verstehen. Der Raum ist sehr klein und völlig überhitzt. Er bittet um mein Telefon und dann geht es los:

„Sympathisieren sie mit der Ukraine?“
„Nein“
„Warum nicht? Alle Deutschen tun das“
„Ich bin für Frieden“
„Wieso haben sie dann in ihren Kontakten eine ukrainische Telefonnummer?“
„Das ist die Tochter meiner Reinigungsfrau“
„Wann waren sie zuletzt in der Ukraine“
„Wann waren sie in Russland?“
„Wieso haben sie ihren Namen gewechselt?“ (woher weiss er das bloss, das weiss fast niemand)
„Was arbeiten sie?“

Er fragt und fragt, dass er nicht die Farbe meiner Unterwäsche wissen will ist alles…Dabei scannt und übersetzt er den kompletten Inhalt meines Telefons. Es kommen zwei weitere Männer herein und fragen auf Russisch:

„Wie macht sie sich?“
„Sie bleibt ganz ruhig“ (es ist bereits eine Stunde der Befragung vergangen)

Qasaqstan - Wanderreiten um die Welt

Ok…ich bleibe ganz ruhig – I am fluent in silence – kein Problem
Ich schaue aus dem Fenster – ich gehe raus aus meinem Haus, meiner Kultur, manchmal sogar aus der Zivilisation – meine Gedanken verlassen den stickigen Raum. Sie verlassen meine Zweifel und Ängste über dass, was in dieser Welt passiert.
Ich habe meine Komfortzone längst verlassen, meine Routine, meine Sprache und lasse alles los. Hier habe ich keine Kontrolle mehr – diese Männer können vollkommen über mich bestimmen. Ich schaue aus dem Fenster und die Birken schaukeln leicht im Wind.
Einer der Männer nimmt mein Telefon und meinen Reisepass und verschwindet damit. Der andere sagt:“Wir machen nur unseren Job“ und ich sehe mich schon in einem Gulag.
Es kommt wieder ein Beamter herein und bringt die italienischen und tschechischen Pässe mit und jetzt wird es völlig bizarr:
Ich soll mir die italienischen Pässe anschauen und er fragt:

„Kennen sie diese Leute?“
„Nein, wieso sollte ich?“
„Sie sind am gleichen Tag in die Mongolei eingereist“

Ich zeige ihm verschiedene Stempel, rekonstruiere –

„Diese Leute sind über Japan nach Wladiwostok eingereist, dann in die Mongolei – ich dagegen bin nach Ulan Baatar aus Deutschland geflogen“
„Sie waren dort alle verabredet?“
„Nein“

Sie fragen mich, warum die Italiener in Alaska waren

„Das weiss ich nicht, ich kenne sie nicht“
„Sie kommen alle, um die Ukraine zu unterstützen?“
„Nein, ich bin Touristin und kenne sie nicht“

Es hört nicht auf….
Nach zweieinhalb Stunden bekomme ich mein Telefon und meinen Pass gestempelt wieder.

„Sie sind Poetin? Mögen sie Dostojewski?“
„Ja“
„Sie dürfen gehen“

FU** ***sia, ich komme nie wieder, ich schwöre.

Meine Mitfahrenden lachen und wir fahren weiter.
Es folgen zehn Stunden wunderschöner Aussichten. Wir befinden uns im nördlichen Altai: serpentinenStrassen, schillernde Flüsse, bewaldete Berge, verschneite Gipfel. Die gleichen Berge und doch von dieser Seite nicht wieder zu erkennen. Würde ich das Leben nicht auf diese Weise auskosten und geniessen, wäre das Älterwerden eine Zumutung für mich.
Die kasachische Oma in meiner Sitzreihe ist sicher über 80ig. Sie trägt eine aufwendige Tracht, pupst zuweilen laut, rülpst und irgendwann kotzt sie in eine Tüte, wischt sich den Mund ab und lacht zusammen mit dem Fahrer. Am Abend schon verlässt uns die junge Frau, die den Mittelplatz unserer Reihe hatte und die Oma wittert ihre Chance. Sie legt sich hin, ist aber etwas länger als zwei Plätze und legt somit ihre kleinen Füsse über meine Beine. Ok…es sind Füsschen aber auf Dauer doch zu unbequem. Ich lege sie runter und kassiere einen tödlichen Blick aus der anderen Ecke. Sie steht auf, dreht sich um und legt ihren Kopf in meinen Schoss. Phuuuu…soviel Nähe mit der kleinen Kotzoma. Dann schlafe auch ich ein.
Gegen sechs Uhr weckt uns der Fahrer, wir stehen an der Grenze. Diesmal reibungslos und in Kasachstan bekomme ich sogar ein „Welcome to Kasachstan“.
Ich zweifel ob unser Fahrer humanoid ist. Er fährt und fährt, telefoniert, raucht, trinkt Pepsi und fährt.
Acht Stunden später sind alle bis auf mich ausgestiegen. Es sind noch 100 km bis Astana. Er geht auf die Toilette und schwankt auf dem Rückweg – nun bin ich doch besorgt.Wir fahren weiter und ich stupse ihn alle drei Minuten an. Er ist etwas genervt, lächelt aber dann doch. Ich gebe ihm Süssigkeiten, Kaugummis, zünde ihm Zigaretten an. Er fängt an zu singen, dann singe ich halt mit. So erreichen wir meine Unterkunft eine Stunde später. Nach 35 Stunden. Halleluja – danke Schutzengel, diese Fahrt war sicher anstrengend für euch.
Mein Hotel liegt direkt am Fluss, sehr ruhig, sehr schön.
Ich laufe los und laufe und laufe…
Wo bin ich denn hier gelandet? Sehr viele Hochhäuser, viele interessante Bauwerke darunter, viele abgerundete Ecken, sehr sauber, grosse Strassen, viele G-Klassen. Jedenfalls vollkommen anders als die centralasiatischen Städte, die ich bisher besucht habe. Ich google: ich bin in Dubai von Centralasien, im reichsten Staat der gesamten Region. Alle Bodenschätze, die wir kennen gibt es in Kasachstan. Es gibt zwei Landessprachen: Kasachisch und Russisch. Auch die Menschen sehen kunterbunt aus. Manche eher asiatisch, manche orientalisch, europäisch, rothaarig, blond…einige haben Schlauchbootlippen aber die meisten sind sehr schön und aussergewöhnlich für meine Augen. Es gibt Jogger, Radfahrer und Gassihunde. Ich bin überrascht, nicht dass ich mir vorher Gedanken gemacht hätte aber ich habe wohl von einem auf alle geschlossen. Menschlich halt.
Als nächstes mache ich mich auf den Weg nach Almaty, der grössten kasachischen Stadt und ehemaligen Hauptstadt. Es gibt eine Ubahn und sie ist am Rande der Berge sehr schön gelegen und es ist warm, sehr warm. Nach all der Zeit, das erste mal wieder warm.
Ich wohne in einem Schrank, ich wollte ein CapsuleHostel mal ausprobieren. Es ist lustig, drei qm pro Person, Schiebetüren, gemütlich irgendwie. Aber schlafen kann ich nicht…das Gebläse ist sehr laut, da es keine Fenster gibt und es ist logischer weise sehr hellhörig. Ich bin dennoch froh denn ich kann meine Wäsche waschen und trocknen.

Almaty muss früher eine sehr schöne Stadt gewesen sein. Ich finde drei der Holzhäuser, die früher das Stadtbild geprägt haben. Jedenfalls bis zu den Erdbeben 1887 und 1911, wo der Grossteil der Stadt zerstört wurde. Ich bleibe nicht lang, fahre weiter zum Charyn Canyon, ein wunderschöner Fleck auf unserem Planeten. Dort wander ich zwei Tage, bekomme leichte Urlaubsgefühle, übernachte in einem grossen Zelt mitten in der Steinwüste und das Essen ist fantastisch. Trampend fahre ich zurück nach Almaty, es gibt dort weder Öffis noch Pferde. Und ich möchte auf eine Party nach Bonn. Es zieht mich zurück, was wäre ich ohne meine Freunde und Familie? Am Ende des Tages sind die menschlichen Verbindungen ein sehr wichtiger Teil unseres Lebens und mit keiner Aussicht ersetzbar.
Also wage ich den sanften Kopfsprung in die kapitalistische Verwertungssanlage und fliege nach Deutschland – nach Hause. Wie paradox und zuweilen verwirrend alles auch ist, freue ich mich sehr…ich lebe, ich habe Augen und Beine, ich bin ich.

Alles Liebe Euch und danke fürs Lesen
Eure Eva