„AzerbaiWas?“ „Azerbaijan“ „Wieso können wir nicht mal normal sein?“ „Was soll das heissen, meine liebe Chili?“ „Ich will mal nach Island oder Neuseeland“ „Ähm…nächstes Mal vielleicht? Oder frag doch mal jemanden anders, ob er Dich mitnimmt?“ „MAMA!“ „und wieso Azerbaidingsbums?“ „Ich finde das Wort klingt so schön“ „OK, aber nicht so lange und nächstes Mal…Du weisst schon!“

Super, dachte ich. Ich weiss, dass Pläne was für Pussies sind aber wenn ich schon mein Kind mitnehme ist das doch was anderes, ist ja nicht nur mein Kind 🙂 Google zeigt mir die verfügbaren Reiseführer…nix dabei, was ich bräuchte, die Karten ebenfalls nicht zu brauchen… Was schreiben denn die anderen so? Es gibt russische Militärkarten aus den 80ern zum kaufen und runterladen. 9 Euro für 81 Karten, da bin ich doch dabei. Nur kann ich sie leider nicht lesen, sie sind natürlich auf kyrillisch. Eine meiner Kolleginen in der Schweiz kann das. Sie stimmt gleich zu, die arme hilfsbereite Frau; denn es dauert ungelogen Stunden bis wir sie sortiert haben und den richtigen Ausschnitt gefunden haben. Ich verspreche ihr, etwas wunderschönes mitzubringen. Sie lacht, da sie die Mitbringsel aus den ehemaligen Sovjetländern kennt. Ich werde dennoch suchen :o)

Im Juni also, da sollten die Pässe offen sein. Meine Wahl fällt auf den Shahdag Nationalpark, die östlichen Ausläufer des Kaukasus. Wir werden bis zum letzten erreichbaren Ort fahren, dort Pferde finden und lostrekken, mit meiner russischen Bombenkarte doch ein Klacks.

Wir landen in Baku und bleiben einen Tag, irgendwie mehr aus Höflichkeit. Nach drei Stunden sagt Chili: “Können wir nicht gleich in die Berge?“ Genauso fühle ich mich auch, allerdings ist es dafür schon zu spät an diesem Tag. In aller Frühe und ganz aufgeregt brechen wir am morgen Richtung Quba auf. Von dort wollen wir nach Xinaliq. Nach einer langen Metrofahrt kommen wir am bombastischen Busbahnhof an, so einen riesigen Busbahnhof hab ich noch nie gesehen. Uauuu!

In Quba angekommen stellen wir fest, dass es keine Verbindung nach Xinaliq gibt. Man mietet einen Fahrer oder bucht eine Sightseeingtour, beides ist eher nix für uns. Ok, Plan B: kleinere Ziele, wir nehmen einen Bus ins nächste Dorf in unserer Richtung. Irgendwo im Nirgendwo sagt der Busfahrer, dass er wir aussteigen müssen und zu Fuss weiter sollen. Es wären nur noch 50 km :o) Wir laufen los, Chili jammert, aber nur kurz. 5 Minuten später hält ein grosser Benz neben uns, zwei alte (echt alt), schicke Männer fragen wo wir herkommen. Deutschland. Sie strahlen, nehmen uns mit und bedanken sich für die schönen Autos, die wir produzieren „Jo, bitte bitte kein Problem“, sie lachen und fahren uns die ganze Strecke, obwohl sie gar nicht dorthin wollen, geschweige denn Geld annehmen möchten…

Wir stehen vor dem Dorfladen in Xinaliq, der Platz voller Männer, die uns anschauen. Einer kommt auf uns zu, gibt mir die Hand: „Hi, ich bin Irslan. Kann ich euch helfen?“ „Ja, vielleicht. Ich brauche Pferde, ab morgen, für ein paar Tage“. Er ist Guide und kommt aus Baku. Verhandelt und redet lang…Alles klar, der Preis ist zwar verhältnismäßig hoch, aber zu Fuss werde ich Chili nicht auf die Gipfel treiben, das wäre kein Spass und zurückfahren keine Option. Morgen 7 Uhr. Er erklärt mir, dass die Männer uns seltsam finden. Eine Frau alleine mit ihrer Tochter in den Bergen. Sie sind sich nicht sicher, ob Gott das so gut findet. Also, das weiss ich jetzt auch nicht genau… Er gibt mir die Anweisung, keinen von ihnen absichtlich oder aus versehen zu berühren, ihre moslemische Tradition hier in Azerbaijan verbietet das strikt. Ich bedanke mich für seine Hilfe und den Tipp, erspart mir vielleicht Peinlichkeiten. Nicht dass ich mit einem von ihnen kuscheln wollte, aber dass sogar versehentliche Berührungen Sünde sind, ist interessant. Fahren die denn nie Bus & Bahn? Probably not…

Sie sind sehr distanziert aber gleichzeitig übergriffig…wenn ihnen etwas einfällt, hämmern sie an die Zimmertür und rufen:“Miss Ewa“ oder „Dziewoshka“…Essen oder Duschen oder Aufstehen :o) Ich muss lachen, aber lange halte ich das nicht aus. Zu essen gib es Eier&Brot, GurkeTomate, Käse&Butter & natürlich literweise Cay. Nach einem BrotEierCay – Frühstück reiten wir los. Wir wollen nach Xaput.

Einer der Männer springt aus dem Stand auf ein Pferd…so steigt man auf, sagt er. Ok, voll lustig und wir? Der Sattel ist eine zusammengerollte Decke mit einem Teppich obendrauf, das alles irgendwie zusammengeschnürt und für die Prinzessin noch ein glitzerlila Kissen obendrauf. Keine Steigbügel, kein Griff. Wir helfen uns gegenseitig und sitzen endlich auf unserer Deckenwurst, wie auf einem Thron, die Beine rechts und links baumelnd, so breit, dass wir sie nach zwei Stunden kaum mehr spüren. Und dann, wie es immer so ist :o), bergauf – bergab – bergauf… über Xaput, nach Alik. Als Belohnung die Aussichten, unbezahlbar, heartopening, aller Mühe wert, wir lieben es

In Alik lernen wir eine Familie kennen und für einen Traumpreis dürfen wir auf dem Boden ihres Wohnzimmers übernachten. Zu essen bekommen wir EierBrot und Cay. Am Abend möchte mir der Familienvater etwas auf seinem Handy zeigen, um besser zu sehen drehe ich das Handy etwas zu mir und berühre aus versehen seinen Finger. Wie vom Schlag getroffen lässt er sein Telefon fallen, rennt ins Bad und wäscht sich. Noch nie bin ich mir so sündhaft vorgekommen und reichlich sprachlos, aber so was ist mir noch nie passiert… Wann haben wir denn diese Trennung zwischen Mann und Frau vollzogen? War es schon meine Namensgeberin? Alle Menschen sind ja gleich…davon merke ich in unserer Welt nicht immer viel. Die Gründe für die Regeln einer Religion sind den Ausübenden oft nicht bekannt. Werden aber verständlicher Weise in Bergdörfern selten hinterfragt.

Der Rest der Zeit in Alik ist sehr vergnügt. Chili findet gleich Anschluss an die Dorfkinder und ist bis in die Nacht beschäftigt. Ich geniesse die friedvolle und gleichzeitig rauhe Landschaft, mit der ich mich so verbunden fühle. Je mehr wir versuchen die Welt zu simulieren (Schneekanonen etc…) und zu kontrollieren, der eigentlichen Begegnung ausweichen, sie leugnen, ignorieren oder mit Zynismus begegnen, entzieht sie sich uns, verschliesst und entschwindet (Klimawandel zeigt es so deutlich, die „Welt“ wird weniger, ist für uns nicht mehr verfügbar) Nun strampeln wir uns ab, da wir merken, dass wir den Zauber für unser Glück brauchen. Allerdings ist die Daueranspannung in der wir uns befinden vermutlich kein Zustand der die Lösung bringen wird.

Am Morgen reiten wir weiter und weiter und weiter…ruhig, ohne weitere Aufregung :o)

Am letzten Tag reisen wir zurück nach Baku. Dort müssen wir (für Chili gibt es in diesem Fall keine andere Option) Fruchtleder kaufen, ein leckerer Snack den sie liebt und gerne als Mitbringsel kauft, aber nur die Roten. Der Auftrag braucht Stunden, ein Fussmarsch bei 36 Grad. Es wuselt in den Strassen der Hauptstadt, jedenfalls abseits der Gucci und Armanistores. Die wenigen Superreichen profitieren von den grossen Öl und Gasvorkommen. Die Küste ist gesäumt mit Ölpumpen, die nicht gerade zum Baden einladen. Systematische Ausbeutung der Ressourcen und Korruption frustriert die Menschen, mit denen ich spreche. Das Land wirkt angespannt. Oder bin ich das? Hier eine Schlägerei am Mittag, dort eine kleine Katze, langweilig wird unser Spaziergang nicht. Am späten Nachmittag nehmen wir uns noch ein Zimmer, da wir erst um halb zwei in der Nacht zum Flughafen aufbrechen müssen. Nach etwas Schlaf verlassen wir das Hotel, hören Geschrei auf der Strasse . Ein Mann schlägt einer (seiner?) Frau mit der Faust ins Gesicht. Sie schreit, blutet stark. Ich schreie. Chili ist entsetzt vor Angst. Ich schreie den Taxifahrer an, den Rezeptionisten, den Passanten…Polizei, ruft die Polizei. Alle schauen auf den Boden, schütteln den Kopf…“Nein, mache ich nicht“. Der Mann zerrt an der Frau, sie will in meiner Nähe bleiben, überall Blut…Vier Männer kommen auf uns zu. Zwei haken den Mann unter, zwei kümmern sich um die Frau, es wird ruhiger. Wir können gehen. Den kommenden Reisetag verfolgen uns die nächtlichen Bilder, wir sind bestürzt, schockiert. Everwhere and everyday, not only goodvibes und Sonnenschein. Und ich schreibe hier nur meine Erlebnisse auf, weder will ich den Islam noch die Azerbaijanis kritisieren & verurteilen. Es war eine Erfahrung, kein Drama – maybe Kismet

Sogol Azerbaijan – still sounds lovley