
„Wo sollen wir denn hin?“ „Keine Ahnung, egal, Berge und warm?“ „ja, super“ „Wie wars mit Tirana? Oder wart ihr da schon mal?“ „Nee, cool, machen wir das“ Gesagtgetan – auf nach Albanien
Wir – drei vielgereiste Freundinnen – hatten schon lange kein gemeinsames Abenteuer mehr und so trafen wir uns eines Aprilsonntags in Tirana. Nach einer kleinen Konferenz am Abend, entschieden wir uns für den noch eher unbekannten,
aber nur 2 Stunden entfernten Nationalpark Shebenik-Jabllnice. Es ist der jüngste und grösste Nationalpark Albaniens,
eine frühere Militärsperrzone, daher waren dort sehr lange fast keine Menschen unterwegs. Es soll einen Infopoint geben, ein paar gezeichnete Routen und hoffentlich nicht allzuviel Schnee.
Wir reisen mit dem Bus nach Librahzd. Nach einem Salat mit Pommes, fragen wir die anderen Gäste und Kellner wie wir nach Fushe Stude kommen, eben der Ausgangspunkt des Parks, wo sich ein Infocenter befindet und wir uns Wanderkarten erhoffen oder Pferde,
ein Hostel und etwas zu Essen.

Wir warten, geben ihnen Zeit zu überlegen, zu telefonieren… Die zwei Jungs vom Tisch nebenan stehen auf und sagen, dass sie uns fahren werden soweit es eben geht und wir den Rest dann zu Fuss gehen können – DEAL – Eingequetscht in einen Kleinwagen fahren wir los. Immer wieder fragen sie jemanden am Strassenrand und es kommt immer wieder die gleiche ( immer mehr überzeugendwirkende) Antwort. Die Strasse ist scheissekaputt (das können sie auf deutsch), es geht nicht Unsere Begleiter fahren tapfer weiter. Der Asphalt endet, Schotter beginnt – weiterimmerweiter Ok, es ist planiert, es gibt ein paar Löcher, es geht bergauf, aber kaputt ist hier zum Glück gar nichts. Nach, ich weiss nicht mehr wie lange, kommen wir an. Erstes Hostel verrammelt, zweites zu, Infocenter nagelneu und vollkommen verschlossen.
Ein kleines Häuschen steht an der Ecke, Licht an, Ofen an. Wir gehen hinein, es gibt Tee und Kaffee, es ist warm, Fernseher läuft, ein alter Mann. Es ist ein kleiner Treffpunkt für rauchende, schweigende Männer. Der alte Mann erklärt, dass noch alles zu ist, keine Unterkunft, kein Essen, es ist noch zu kalt. Er erlaubt uns auf den schmalen Sofas seines Cafes zu übernachten. Niku und sein Freund fahren zurück, wir sollen uns melden falls sie uns retten sollen. Nachdem der alte Mann uns erklärt, wie man Kartoffeln schält und sie schneidet bereiten wir unser Essen zu. Wir haben es sehr lustig, in diesem skurrilen Häuschen im Nirgens. Wir essen die Fritten mit grossem Hunger und die Zwiebeln aus Höflichkeit, obwohl wir wissen, dass uns später davon schlecht werden wird… von Fritten und Zwiebeln haben wir ehe erstmal genug.

Am Morgen lasst sich unser Gastgeber sehr gut fur seine Dienste bezahlen und wir marschieren los. Mit der halbabfotografierten Karte von der Infotafel werden wir das doch schaffen über diese jetzt doch weissen Berge drüberzukommen. Dort drüben weiss-rot-weiss – ein Weg, die Zeichen hören zwar nach 500 Metern wieder auf aber der Weg ist eindeutig – bis er dann doch plötzlich abrupt aufhört. Was solls, wir haben Empfang. GoolgeMaps zeigt einen grossen grünen Fleck und einen kleinen blauen Punkt, das sind wir. Schnell noch ne KompassApp runtergeladen, falls der Empfang abbricht. Wir wollen nach Süden, nach Kosharishtri. Wir haben drei Liter Wasser und Fruchtriegel aus Deutschland… Nach Süden, dort lang…Schnee, nasses Buchenlaub dazwischen und sausteil. Hoch, hoch, hoher, zwei Schritte vor einer zurück, wir rutschen, stolpern und fluchen. Immer wieder sehen wir Abdrücke von Bärentatzen oder ihre Kackhaufen. Wir gehen weiter. Immer wieder schauen wir auf die absurdeste Wanderkarte ever, GoolgeMaps und wir der blaue Punkt, der sich im übrigen nur sehr langsam bewegt… kein Weg, kein Plan. Wieviel Gipfel liegen wohl noch vor uns? Es ist der Moment, wo wir uns hineinsteigern konnten, keine Karte, kein Zelt, kein Essen und überall Bärenspuren. Wir sprechen nicht mehr, zu anstrengend. Jede atmet, versucht die Sorge oder gar Angst zu überwinden oder mindestens in Schach zu halten. Kraft schöpfen aus dem Vertrauen ins Leben, in uns selbst, in unsere Kraft und Kondition. Einatmen – Ausatmen – laufen – immer höher und nach Süden. Stunden vergehen… Dort ist weider so etwas wie ein Weg, links oder rechts? Der blaue Punkt sagt geradeaus, deshalb müssen wir uns entscheiden. Links liegt noch mehr Schnee, rechts dringen Sonnenstrahlen durch die Bäume…klar, follow el sol. Wir kommen auf eine wunderschöne Hochebene, ein deutlicher Weg, es hat aufgehört zu schneien. Die Sonne macht uns warm, Rucksäcke weg, hinlegen. Unser Weg ist weiterhin seltsam, hört immer wieder auf um dann wieder anzufangen. Ein riesengrosser Bärenhaufen, die Abdrücke sind grösser als die vorigen, wir können deutlich die langen Krallen erkennen. Wir folgen den Spuren, da der Bär anscheinend auch nach Süden mochte. Es wird spät, eine Vesperstube wäre jetzt mal das Richtige. Aber hier nur Felsen, leuchtendrote Erde, raufundrunter, wir werden schneller, noch eine Ecke…YEAH! ein Haus – zwei, drei und Bunker, es ist schliesslich das Land mit den meisten Bunkern weltweit, Hoxa, der Diktator baute davon Unmengen an unmöglichen Orten, auch einMannBunker. zur Not schlafen wir dort drin – oh, no way, nass und eklig die Dinga. Bei einem weiteren Haus, schiebt ein Mädchen einen Schubkarren, kommt auf uns zu und fragt „Como estai?“ „Que cosa stai facendo qui?“ Welch Freude, dass wir sie verstehen. Wir kommen zu dritt sicher auf zehn Sprachen, aber in Albanisch beherrschen wir fünf Wörter und auch diese vergessen wir ständig. „Können wir bei euch schlafen?“ „certo que si, kommt mit“ …sie lacht, freut sich, rennt vor. Vor dem Haus steht die ganze Familie. Sie lachen, bitten uns reinzukommen… Hund, Katze, Maus, Kuh, Ziegen, Schafe…Zwei Eltern, drei Töchter, alles da. Wir bekommen das Familienschlafzimmer zugeteilt und dann den obligatorischen Sofaplatz vor dem Fernseher. Die Mädchen sind sehr aufgeregt und schauen uns auch beim Pinkeln zu. Der Vater kommt mit einem grossen Messer auf uns zu und möchte, dass wir mitkommen. Nicole, die eindeutig höflichste von uns dreien geht mit ihm mit. Doch sie kommt schnell zurück. Er möchte, dass ich ihm helfe eine Ziege zu schlachten oder so ein süsses Lämmchen und wenn keins vom beiden, dann wenigstens einen Hahn. Wir lachen und erklaren Valentina auf Italiensich, dass wir kein Tier schlachten wollen und so ganz ehrlich gesagt auch keins davon essen wollen. Der Vater wirkt danach etwas bedrückt, die Frauen lachen. Der Abend ist sehr lustig, lebendig und laut – gefühlt Stundenspäter gibt es Börek und Bohnensuppe, danach fallen wir tot ins Bett.
Schon am Abend versuchen wir die Familie darauf vorzubereiten, dass wir am Morgen aufbrechen wollen, um unser Ziel weiterzuverfolgen. der Vater sagte zwar immer wieder, dass es unmöglich ist, es viele Bären und Wölfe gäbe, keiner mehr in dem Ort lebe, es kein Essen gäbe und es halt einfach nicht geht. Ich kann den gehtnicht – gibtsnicht slogan leider nicht auf italiensich übersetzen. Nachdem wir der Familie voller Dankbarkeit hoffentlich genung Geld dagelassen haben, brechen wir am Morgen auf. Zur Entspannung aller in seiner Begleitung. Wir stellen lachend fest, dass wir nur zwei Kilometer von unserem Etappenziel entfernt waren. Das Dörfchen ist tatsachlich bis auf zwei Hauser verlassen. Wir steuern das grossere an. Dort lebt die Honigoma, wie wir sie nennen mit ihrem Sohn. Wir essen Honig, trinken Kaffee und Raki. Überlegen wohin nun? Auf GoogleMaps ist im ganzen Nationalpark ein Ort eingetragen. Es heisst Qarrishte, dort wollen wir hin, es ist auch nicht so weit…nach einem Telefonat mit dem anderen Sohn der Honigoma, der gerade auf einem Dach in Hamburg steht und seiner Familie unsere Pläne übersetzten kann brechen wir in Begleitung des anderen Bruders auf. Der Weg ist prima, Wetter auch, ohne Zwischenfälle kommen wir Nachmittags an. Wir steuern eine mintafarbende Villa an und (wer hätte das gedacht) sollen wir uns auf ein Sofa setzen. heute ist es jedoch anders, immer mehr Männer kommen herein, setzen sich dazu und schweigen, sogar der Fernseher bleibt aus.Wir wissen länger nicht, was eigentlich los ist. Bis einer herein kommt und uns mit „Hi“ begrüsst Ich kann etwas Deutsch, ich arbeite in Hamburg im Hochbau und mache gerade Urlaub bei meinem Kusin, Dennis, dem das Haus gehört. Dürfen wir bleiben? Dennis guckt etwas angespannt… aha, es geht ums Geld. Er mochte 15 Euro pro Nacht und Person, für Schlafen, Essen und Trinken (wir unterdrücken ein Lächeln) – DEAL – natürlich bleiben wir, wo sollten wir denn auch hin?? Der grösste Teil des Dorfes ist verfallen, überall Ruinen, kaum Menschen, es ist kalt. Wir hoffen auf etwas mehr Ruhe als gestern…Dennis Frau kommt herein und schickt uns duschen, dann essen (Sofa vor dem Fernseher) Bohnensuppe, selbstgebackenes Brot, Ziege (die wir undankbarerweise stehen lassen), Käse, Oliven…sehr lecker. Dann Schlafen. Am morgen beschliessen wir noch eine Nacht zu bleiben, Ruckäcke stehen lassen und auf den Gipfel da zu gehen, sieht doch einfach aus. vielleicht hatte uns stuzig mache sollen, dass keiner sagte, dass es nicht möglich sei… Vermutlich nur ein Zeichen dafür, dass noch keiner so irre war dort hoch zu laufen und die meisten Albaner eher nicht wandern gehen. Hier nur die Kurzfassung: Dornen, Felsen, sehr hoch und verdammtscheissesteil. Ich habe bei diesem Aufstieg gelernt, dass es unterschiedliche Arten von Höhenangst gibt. Keine dieser Ängste ist mir bekannt, weder die Höhe noch gefressen werden, weder Gewalt noch mich zu verlaufen. Ich habe schon lange vermutet, dass mir dieses bestimmte Hirnareal einfach fehlt. Vielleicht ist das eben meine Stärke als Guide im Kaukasus. Überhaupt haben mich diese Fragen während des Aufstiegs sehr beschäftigt. Soll ich nächstes Jahr weiter machen? Kann ich mir die Zusammenarbeit noch einmal vorstellen? Soll ich was ganz anderes machen? Was will ich eigentlich und warum zur Hölle kletter ich diesen mühseligen Gipfel hoch? Whatever… no Dramas with the Mamas Oben angekommen schneit und stürmt es, beim Abstieg dann scheint zum Glück herrlich die Sonne, wärmt und lässt schnell vergessen… Am Abend Kaminfeuer und Bohnensuppe. Einfach herrlichstobermegatollgemütlich. Wir lieben uns, das Leben, Albanien und all die netten Menschen, die uns helfen vorwärts zu kommen. Am nächsten Morgen reisen wir früh an den ältesten See Europas ab, Ohrid ( nebst dem Balkaisee). Lin, ein kleines Fischerdorf, das sich für die Touristen bereit macht. Es wird gebaut, geputzt und fleißig gefischt. Wir kommen bei Rosa unter, die uns auf der Straße anspricht. Bett – Seeblick – Fisch zum Abendessen. Und dieser heißt auch noch Koran. Wir erklimmen den Hausberg und fallen ins eiskalte Bett. Die kälteste Nacht von allen, wer hätte das gedacht. Am Morgen rudern wir nach Mazedonien und brechen dann auf nach Tirana. Beim einchecken im Hotel brauchen sie einen Pass. Ich will meinen abgeben und stelle fest, dass er nicht mehr da ist. Vermutlich habe ich ihn im Exchangeoffice ganz zu Beginn vergessen. Das Büro ist leider zu…
Meine Girls reisen am morgen ab, das Exchangebüro ist weiterhin geschlossen. Ich sitze hier und schreibe, versuche nicht daran zu denken, dass mein verpasster Rückflug möglicherweise sehr teuer wird oder dass ich nicht weiss wie lange ich noch hier bleiben muss. Mit der Freiheit in meinem Herzen, der Dankbarkeit und Demut, den Rucksack voller Eindrücke und der Magie des Weges sage ich Faleminderit shqipëri Une shpresoj se do t`ju shok se shepejti auch wenn Pferde hier nicht üblich zu sein scheinen mit ganz besonderem Dank an meine teuren Begleiterinnen.









