Aus hundert Kaninchen wird niemals ein Pferd und aus hundert Verdachtsgründen niemals ein Beweis.
F. M. Dostojewski

Here we go:

Wenn wir schon mal in UlanBataar sind, können wir ja über Land zurückfahren, mit der Transsibirischen Eisenbahn?
Der Gedanke kam mir schnell als feststand, dass ich Reittouren in der Mongolei anbieten werde. Damals war noch kein Krieg und ich konnte seelenruhig im Internet recherchieren und träumen.
Dies änderte sich schnell nach Kriegsausbruch. Einerseits sind russische Seiten im Internet gesperrt, andererseits auch alle Zahlungswege für uns in Russland: Man kann mit keiner westlichen EC- oder Kreditkarte dort mehr zahlen oder aus einem Automaten Bargeld beziehen. Das macht uns für jeden, der das weiß und es nicht gut mit uns meint zu einer Zielscheibe. Hinzu kommen Nachrichten über Drohnenanschläge in Moskau… nicht die beste Zeit für eine Russlandreise, das sehe ich ein.

Aufgrund meiner Erfahrungen aus so genannten „Krisengebieten“, war ich mir jedoch sicher, dass es Vorort in Russland anders aussieht, die Menschen einfach weiterleben und sich arrangieren mit der neuen Situation. Der Himmel ist überall blau und es gibt immer eine Lösung, alle kochen mit Wasser. Mein Wunsch Russland zu bereisen ist alt und ich bin mir nicht sicher, ob die Reisefreiheit, die wir gewöhnt sind so selbstverständlich ist wie sie uns erscheint…daher jetzt mal los. Als großer DostojewskiFan und dem vielen Abenteuerblut, das durch meine Adern fließt, wird es eine spannende Reise, denke ich und beantrage ein Visum. Sie verlangen Gehaltsnachweise der letzten drei Monate und andere Dinge. Aber ich will es einfach. Ich schaue mir meine Hände an, sie haben schon so viel mitgemacht, so viel Nutzloses erobert, meine Füße und Beine…ich bin dankbar. Wir schaffen das, aber wieso eigentlich? Da ist wieder
der vibrierende Draht zwischen mir und der Welt, der glüht und glüht.

Wir kommen am Bahnhof von UlanBataar an und wollen in den ersten Zug einsteigen: UlanBataar – UlanUde. Das liegt unweit des Baikalsees, wo wir eine Pause einlegen möchten. Eigentlich die erste und einzige: denn der Rest interessiert mich nicht sehr. Was folgt sind russische Großstädte: Irkutsk, Krasnojarsk, Novosibirsk, Yekaterinenburg…sicher Metropolen, aber will ich die sehen? Ähhh…nein. Ich bin doch das Landmädchen.

Der Zug glänzt in der Sonne, es sind viele Menschen da, es gibt Livemusik, die Zugbegleiterinnen (zwei pro Wagen) sehen bombastischblau aus, es ist Sonntag. Vielleicht fährt der Zug zum ersten Mal oder es wird ein Jubiläum gefeiert. Lustig, dass wir niemanden fragen was da los ist. Bepackt mit Lebensmitteln sitzen wir in der warmen Sonne und freuen uns auf die Reise. Als die Show vorbei ist steigen wir ein, beziehen unser Abteil, vier Betten, ein
Tisch in der Mitte, eine große Thermoskanne steht obendrauf. Auf jedem Bett liegt in Plastik eingepackte Bettwäsche und ein Handtuch. Wir sind zu dritt, hinzu kommt eine junge mongolische Frau, die nach Irkutsk reist, um zu studieren. Ihre ganze Familie ist vor dem Fenster versammelt, sie weint. Ich schaue mich um und sehe, dass der ganze Bahnsteig voller weinender Menschen ist. So einen Abschied hab ich noch bei keiner Abreise gesehen. Da
weinen wir einfach ein bisschen mit. Dann aus dem Fenster schauen, plaudern, Abendessen: Brot, Aufstrich, Gurke, Käse, Pfirsiche…lecker. Die Zugbegleitung bringt immer wieder heißes
Wasser in der Kanne und wir trinken Tee, viel Tee. Obwohl es auf der Toilette etwas zügig ist, da das Loch, das direkt an der Kloschüssel unten anschließt, nicht ganz dicht ist und direkt auf die Gleise führt: windig und laut aber sauber. Ich hab eine kleine Rechnung gemacht, es sind ca. 70 kg Kacke, die aus dem Zug jeden Tag auf die Gleise fallen, im Fahrtwind zerbersten, in alle Richtungen zerstreut werden. Und es sind drei Züge am Tag, die von Wladiwostok nach Moskau fahren. Von solchen Gedanken allerdings bekomme ich Verstopfung. Aber nun bin ich einmal dabei und das Bauch-Thema nimmt seinen Lauf…gegen 22 Uhr sagt Chili, ich solle ihr mal das Plastikteil da reichen, schnell. Sie übergibt sich augenblicklich und hört nicht mehr damit auf. Gegen 23.30 Uhr stehen wir in AltanBulag am Bahnhof, der letzte Ort vor der russischen Grenze und eine Buchanka, das kleine UAZ AllradBrötchen mit Blaulicht, steht direkt vor unserem Fenster. Die Zugbegleiterin ist verpflichtet, einen Notarzt zu rufen, der – für die Weiterfahrt – einen Krankenhausaufenthalt ausschließen muss. Verdammt, nur nicht hier ins Krankenhaus, mitten in der Nacht, bittebitte nicht. Die nette Ärztin bestätigt eine Magenverstimmung und der Zug darf weiterfahren. Die Zugbegleiterin, eine mittelalte, strengguckende, mit einem kecken blauen Hütchen ausgestattete Frau sagt: „ Wenn ihr nach Russland wollt, dann muss sich das Mädchen aufrecht hinsetzen und so normal gucken wie es nur geht, beim Verdacht auf eine Erkrankung werdet ihr auf jeden Fall aussteigen müssen“.

Um Mitternacht erreichen wir die Grenze. Erst kommt der Zoll, alle Koffer und Rucksäcke müssen ausgepackt werden…alle und gründlich. Dann kommen die Hunde, Cockerspaniel als Suchhunde? Ok ja…aber es sieht sooo lustig aus und wir dürfen auf keinen Fall lachen. Währenddessen hält sich Chili wackeraufrecht und augengeöffnet. Dann ein Mann mit einem Ausweis, den ich nicht lesen kann und stellt Fragen… so dies und das…Chili sieht aus, als würden ihr gleich die Augäpfel aus dem Kopf fallen. Bitte nicht kotzen, nicht kotzen…und er hört nicht auf zu fragen: Wieso nach Russland und wieso spreche ich russisch und wie lange und wohin und warum dorthin und wen wir dort kennen und wie viel Geld wir dabei haben…nur nicht kotzen bitte. Und dann noch die Passkontrolle, sie machen Fotos, schauen alle mörderisch und geben uns finally um 2 Uhr 30 den Stempel. Halleluja. Nach dem Losfahren kotzt Chili doch nochmal und schläft dann ein, mein liebes Kind. Dabei fällt mir auf, dass unser Visum erst ab 24 Uhr gültig ist, wenn die Bauchsache nicht gewesen wäre, hätten wir vielleicht sowieso aussteigen müssen, da wir sonst zu früh an der Grenze gewesen wären.
Am nächsten Morgen steigen wir mit einer völlig entkräfteten Chili in Ulan Ude aus und müssen eine längere Pause am Baikalsee machen, ein unbeschreiblich schöner Ort, richtig magic. Groß, wild und bezaubernd. Zudem ist es der tiefste und älteste See der Erde. Im Winter ist er zugefroren und dient dann als Strasse, es gibt auch einen Marathonlauf auf dem See. Wir verbringen unsere Genesungspause am Ostufer, die Saison ist vorbei und außer uns sind noch vielleicht zehn andere russische Besucher in dem kleinen Ort. Wir haben eine ruhige, bedächtige Zeit an diesem Weltwunder. Es ist die Freiheit, die mich beim Reisen berauscht, sie vertraut und springt einfach, hat keine Angst. Freiheit hat in unserer Zeit die Religion abgelöst und macht uns glücklich. Ich würde so viel Geld sparen, wenn mich das Beten so glücklich machen würde wie das Reisen. Dann steigen wir wieder in die Transsibirische Eisenbahn ein und machen es uns für die nächsten vier Nächte bequem in unserem Viererabteil, wieder mit einer jungen Mongolin, die in Kazan studieren wird.
Ich schaue aus dem Fenster und sehe Bäume, so viele Bäume, die meisten davon Birken. Sie sind einfach da, groß und stark folgen sie ihrer Bestimmung ein weiser Baum zu sein und das Stunde um Stunde, Tag für Tag… ein gigantischer Wald, der fast nie aufhört, außer an den Bahnhöfen, kleinen und großen, wo unser Zug mit neuem Wasser betankt wird und Lebensmittel aufgefüllt werden. Manchmal sind diese Pausen bis zu neunzig Minuten lang und wir können kleine Ausflüge machen, die Beine bewegen. Tatsächlich ist die Bewegungslosigkeit eine große Herausforderung für mich, sonst finde ich es sehr angenehm, denn ich bin fluent in silence und habe so die Gelegenheit mich ausführlich bei meinem Hirn für unsere jahrelange Zusammenarbeit zu bedanken.

Und dann eines Morgens gegen sechs erreichen wir Moskau. Durch den Zeitdruck wegen der langen Pause und den Drohnenangriffen verbringen wir nur einen Tag hier und reisen am Abend weiter nach St. Petersburg, mit einem Nachtzug natürlich, damit kennen wir uns jetzt aus. Wir treten aus dem Bahnhof, die Stadt wacht gerade erst auf, die Sonne scheint uns zaghaft ins Gesicht. Das Bahnhofsgebäude ist wunderschön und so kommen wir aus den Ahhs und Ohhs den ganzen Tag nicht mehr raus. Eine wundervolle Stadt, ohne Flax. Am nächsten Morgen steigen wir schon wieder aus dem Zug aus, diesmal in St. Petersburg. Es ist fünf Uhr und wir treten auf die Strasse, gleichzeitig gehen die Straßenlaternen aus und es ist dämmrig, fast noch dunkel…so ganz anders als gestern. Wir laufen durch die Straßen und suchen eine Unterkunft. Da die internationalen Buchungsseiten gesperrt sind, laufen wir von einer Unterkunft zur nächsten und das die nächsten vier Stunden. „Wir sind voll“, „Woher kommt ihr? Ach so, wir sind voll“, „Wieso laufen Sie vor uns weg?““ Ich dachte, ihr seid Zigeuner“ usw… Es stimmt, wir haben bisher noch keinen Westeuropäer in Russland getroffen, auch keine Traveller mit Rucksack. Stimmt ja, ist nicht das Reiseland Nummer eins aber die unfreundliche Art uns zu begegnen ist auffällig und unangenehm. Ich dachte, der Krieg ist keiner zwischen Zivilisten aber das stimmt nicht so ganz. Ich gehe davon aus, dass jeder wählen kann, ob er freundlich dem anderen begegnet oder als Arsch auftritt. Morgens aufwachen und den neuen Tag etwas weniger niederträchtig und ätzend sein als gestern ist ein guter Plan. Ich traue mich nicht, die Menschen nach dem Grund ihrer Feindseligkeit zu fragen, ich möchte sie nicht reizen, fühle mich verunsichert. Wir finden ein Bett, dass nicht wackelt und gehen duschen, was ne Party. Auf der folgenden Erkundung reiben wir uns wieder und wieder die Äuglein, was für eine Märchenstadt…soowow, irre…so gut erhalten, pompöser Jungendstil inmitten wunderschöner Kanäle, jeder Blick voller Schönheit. Wir sind hingerissen und überrascht… ich Banause hab wirklich nicht gewusst, wie schön St. Petersburg und auch Moskau sind, sbasiba Rossiya. Die Diskrepanz zwischen der Schönheit, zu der wir Menschen fähig sind und dem Gräuel, den wir uns dauernd antun ist so immens, dass mein Kopf nun leider explodieren wird.

Am nächsten Tag nehmen wir den Bus nach Tallinn, way out of Russia ist nur von Moskau mit Turkish Airlines oder aus St. Petersburg per Bus nach Riga, Minsk und Tallinn möglich. Die Grenze erinnert mich an meine Kindheit, gesprungene Kacheln, muffiger Geruch und strengschauende, bewaffnete, Uniformierte, die einfach nicht lächeln dürfen. Ich beschreibe hier nur, Erlebnisse und Gefühle, nur meine subjektive Sicht, dies ist keine Beschwerde, ich habs ja so gewollt. Estland – EU, fast zu Hause. Ein großes Zimmer in Tallinn mit Aussicht auf den Hafen, Terrasse, einem Sofa und einem tollen riesenBett. Ich lege mich hin, bin erleichtert und als ich aufwache habe ich Fieber, Gliederschmerzen und Schüttelfrost. Scheiße. Kranksein ist nie angenehm aber auf Reisen ist es doppeltätzend. Am nächsten Tag kann ich mich kaum aus dem Bett bewegen, alles tut mir weh, Tabletten nützen nichts. Wir besprechen unsere Optionen… Chili möchte weiter, unser Plan war nach Hause zu kommen ohne Flugzeug und wir haben es schon so weit geschafft: mehr als 7000 km aber es fehlen weiterhin 2300. Am nächsten Morgen, zwar seeehr langsam aber wir nehmen die Fähre nach Helsinki. Um 14 Uhr legen wir an und um 17 Uhr gibt es ein Schiff nach Stockholm, 10 Uhr morgens ist Ankunft. Mit Bus & Bahn durch Helsinki zu einem anderen Hafen. Einchecken, Kajüte beziehen und umfallen, jedenfalls in meinem Fall. Es ist ein Kreuzfahrtschiff durch das Baltikum, wird auch als Fähre genutzt wie in unserem Fall. Eine Shoppingmall, zehn Restaurants, Bars, Wellnessbereich, 12 Stockwerke insgesamt. Chili ist impressed und mir tut alles weh. In Stockholm beziehen wir eine große Bettenburg mitten im Zentrum, ein Stockbett im 8ter Dormitory kostet 30 Euro. Ja klar, schönes Städtchen, leckeres Essen. Aber es ist offensichtlich, dass es so nicht weitergeht. Ich hab alles gegeben und nun ist es vorbei. Ich kann mir auch nichts mehr angucken, mein Rucksack ist auf einmal so schwer und mein Stockbett so erbärmlich. Wir haben in der kurzen Zeit sooo viel gesehen, ich bin einfach satt und krank. Am Morgen sucht Chili uns einen Direktflug nach Stuttgart und am Abend werden wir dort abgeholt. Bähm.

Aber da waren die Berge mit ihrer Ruhe und der See mit seiner Geduld und der Himmel mit seinen offenen Armen.
Trag ich zu dick auf?
Nein, ich kann es einfach nicht besser beschreiben, das ist eben meine Art mich auszudrücken, zu fühlen und Euch ein Stück auf meine Abenteuer mitzunehmen.

Danke fürs Lesen
Sincerely
Eure
Eva